Was ist die Gewaltfreie Kommunikation?


Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein Prozess, der Menschen so miteinander verbindet, dass sie Freude daran haben sich und einander das Leben zu bereichern.

 

Eine Sache, die Menschen voneinander trennt, sind Urteile, die beinhalten, dass sich jemand falsch verhält. Wenn ich die Handlung eines Menschen als falsch verurteile, dann habe ich weniger Mitgefühl für sie/ihn und meine Bereitschaft sie/ihn zu unterstützen sinkt. Das kann soweit führen, dass ich sie/ihn für sein Fehlverhalten bestrafen möchte und ihr/ihm Gewalt antue.

 

Eine Seite des Prozesses der Gewaltfreien Kommunikation besteht darin die Bedürfnisse hinter den moralischen Urteilen zu verstehen. Bewerte ich jemanden beispielsweise als unnahbar und kalt, bedeutet es vielleicht, dass ich mehr Kontakt und Wärme in unserer Beziehung haben möchte. Bei der anderen Seite des Prozesses geht es darum, die Bedürfnisse zu sehen, die den Handlungen meines Gegenübers zugrunde liegen. Möglicherweise hat sie/er Angst kritisiert zu werden, braucht Schutz und möchte so akzeptiert werden wie sie/er ist.

 

Ich sage meinem Gegenüber was ich brauche, statt ihr/ihm vorzuwerfen, dass etwas mit ihr/ihm falsch ist. Gleichzeitig versuche ich ihre/seine Bedürfnisse zu verstehen, anstatt zu hören, dass ich mich falsch verhalte. Dadurch können wir in Verbindung kommen und gemeinsam nach Wegen suchen, die alle Bedürfnisse berücksichtigen. Das Verständnis der Bedürfnisse führt dazu, dass wir mehr Mitgefühl füreinander haben und es uns mit Sinn erfüllt zum Leben der/des anderen beizutragen.

 

Die Gewaltfreie Kommunikation ist zum Teil eine Methode, die wir wie eine Sprache lernen können. Gleichzeitig ist das Ziel nicht, nur noch auf eine bestimmte Weise zu sprechen. Das kann die Kommunikation künstlich machen und zu mehr Distanz statt Kontakt führen. Der wesentliche Teil besteht darin aus einer bestimmten Haltung heraus zu kommunizieren. Ich versuche Mitgefühl und Humor für mich und andere Menschen zu haben, unsere Beweggründe zu verstehen und Strategien zu finden, die möglichst viele Bedürfnisse erfüllen. Dabei kann es mir in manchen Situationen helfen die Sprache der Gewaltfreien Kommunikation zu benutzen und in anderen nicht.

 

Die Giraffe ist in der Gewaltfreien Kommunikation das Symbol für Menschen, die gerade mit ihren Bedürfnissen verbunden sind und Mitgefühl für sich selbst und andere empfinden. Der Wolf symbolisiert Menschen, die sich selbst und andere in einem bestimmten Moment verurteilen und kein Mitgefühl empfinden.


Das Menschenbild der Gewaltfreien Kommunikation

Nach der Gewaltfreien Kommunikation haben alle Menschen die gleichen Bedürfnisse wie zum Beispiel Autonomie, Kreativität oder Geborgenheit. Mit jeder Handlung versuchen sich Menschen Bedürfnisse zu erfüllen. Da alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben, können sie sich und ihre Handlungen auf dieser Ebene gegenseitig verstehen und miteinander in Verbindung kommen.

 

Auch jeder gewaltvollen Handlung liegt ein Bedürfnis zugrunde. Marshall B. Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, ist der Meinung, dass es keine bösen Menschen gibt, die anderen grundlos Gewalt antun. Die Ursache von Gewalt besteht seiner Meinung nach darin, dass Menschen den Kontakt zu ihren Bedürfnissen und ihrem Mitgefühl verlieren, indem sie sich selbst und andere verurteilen. Dadurch sehen sie statt der anderen Menschen nur noch Feindbilder, die sich falsch verhalten und es verdient haben bestraft zu werden.

 

Er sieht das Denken in Kategorien von moralisch richtig und falsch als Teil einer Dominanzkultur, in der wir nach wie vor zum Teil leben. In ihr gibt es Menschen in Machtpositionen (zum Beispiel Eltern, Lehrer und Chefs), die entscheiden, wer sich richtig und wer sich falsch verhält und dementsprechend bestrafen oder belohnen. Außerdem wird Menschen in der Dominanzkultur beigebracht, dass es bestimmte Dinge gibt, die sie tun müssen und bei der sie keine Wahl haben.

 

Das Ziel der Gewaltfreien Kommunikation ist eine Partnerschaftskultur aufzubauen, in der Menschen keine Macht übereinander sondern miteinander haben und gemeinsam Strukturen aufbauen, in denen alle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wenn Menschen wieder die Bedürfnissen hinter den Feindbildern sehen, bringt es ihnen Freude einander das Leben schöner zu machen und miteinander zu kooperieren.

 

Eine weitere Annahme in der Gewaltfreien Kommunikation ist, dass Menschen zwar Gefühle bei anderen auslösen, aber nicht deren Ursache sind. Wenn ich beispielsweise meinem Freund sage, dass ich mich heute nicht mit ihm treffen möchte und er sich über mich ärgert, ist meine Aussage der Auslöser für seine Wut. Gleichzeitig sind es seine Gedanken, die ihn ärgerlich machen. Vielleicht denkt er, dass ich ihn vernachlässige und er nicht liebenswert. Falls er traurig ist, dass ich gerade keine Zeit mit ihm verbringen möchte, stehen dahinter als Ursache vielleicht Bedürfnisse nach Nähe und Austausch.

 

Ich kann ihm zuhören und versuchen mit ihm eine Lösung zu finden, die sowohl seine als auch meine Bedürfnisse berücksichtigt. Gleichzeitig trage ich keine Schuld an seinen Gefühlen. Das hat den Vorteil, dass ich in Verbindung mit ihm bleiben kann, statt aus Schuld aus dem Kontakt zu gehe. Außerdem bereichere ich sein Leben nur, wenn dies im Einklang mit meinen Bedürfnissen steht und gebe nicht aus Schuld etwas, was unserer Beziehung langfristig schaden würde.

 

Rosenberg ist außerdem der Meinung, dass Menschen sich immer selbst für ihre Handlungen entscheiden und zu keiner Handlung gezwungen werden können. Natürlich gibt es Strukturen, die dazu führen, dass Menschen sich eher auf eine bestimmte Weise verhalten, um sich beispielsweise zu schützen. Trotzdem haben sie immer die Entscheidungswahl. Wenn Menschen denken, dass sie bestimmte Dinge machen müssen, kann es dazu führen, dass sie sich auf eine Weise verhalten, die sowohl ihnen als auch anderen schadet. Wenn Menschen ihre Handlungsfreiheit erkennen, können sie ihr Leben selbst mehr in die Hand nehmen.


Marshall B. Rosenberg

Marshall B. Rosenberg wurde am 6. Oktober 1934 in Canton, Ohio geboren. Ein prägendes Ereignis seiner Kindheit war, als in seiner Nachbarschaft Weiße und Afroamerikaner einen Rassenkrieg mit zahlreichen Toten begannen und seine Familie tagelang das Haus nicht verlassen konnte. Auf der anderen Seite erlebte er, als seine Großmutter sterbenskrank war, wie sein Onkel jeden Abend zu ihnen nach Hause kam und sich voller Liebe um sie kümmerte.

 

Seit dieser Zeit beschäftigten ihn zwei Fragen: Was geschieht genau, wenn Menschen die Verbindung zu ihrem Mitgefühl verlieren und sich schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten? Und umgekehrt, was macht es manchen Menschen möglich, selbst unter den schwierigsten Bedingungen mit ihrem Mitgefühl in Kontakt zu bleiben?

 

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, studierte er nach der Schule Psychologie. Die Antwort, dass gewalttätige Menschen eine psychische Störung hätten, schien ihm unbefriedigend. Er arbeitete einige Jahre als Therapeut und studierte außerdem vergleichende Religionswissenschaften. Zusehens erkannte er, dass die Wurzeln der Probleme seiner Klienten in den gesellschaftlichen Strukturen lagen und nicht einer psychischen Krankheit geschuldet waren. Er gab seine Praxis auf und begann stattdessen durch die USA zu reisen und sein Konzept der Gewaltfreien Kommunikation in Workshops weiterzugeben und als Mediator bei Konflikten zum Beispiel in Familien, Schulen, Organisationen und zwischen Polizei und Straßengangs zu vermitteln.

 

1984 gründete Rosenberg das Center for Nonviolent Communication, um seine Ideen und Ansätze allen Interessierten zugänglich zu machen. Diese Einrichtung ging auch aus seiner jahrelangen Arbeit hervor, die er mit Bürgerrechtlern in den frühen sechziger Jahren geleistet hatte. Mit ihnen hatte er Mediationsprogramme und Kommunikationstrainings durchgeführt, um Gemeinden zu unterstützen, die die Rassentrennung an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen überwinden wollten.

 

In den letzten Jahrzehnten hat Rosenberg Menschen in Seminaren auf der ganzen Welt die Gewaltfreie Kommunikation weitergegeben und geholfen gewaltvolle Konflikte zu lösen. Sein Konzept wird in Familien, Schulen, Therapie, Firmen und diplomatischen Verhandlungen angewandt. Auch in Krisen- und Kriegsgebieten wird die Gewaltfreie Kommunikation verwendet, um zwischen verfeindeten Volksgruppen zu vermitteln und auf friedlichen Weise Konflikte zu lösen. Zum Beispiel in Israel, Palästina, Kolumbien, Kroatien und Ruanda.

 

Am 7. Februar 2015 verstarb er friedlich Zuhause im kleinen Kreis seiner Familie.

 

Mehr Informationen zu der Gewaltfreien Kommunikation und Marshall B. Rosenberg gibt es auf der Homepage des Center for Nonviolent Communication.